| WALCKER-ORGEL, ST. REINOLDI
EINLEITUNG
Gerard Bunks »ersehntes Lebensziel« war es, als Organist
an der Walcker-Orgel von St. Reinoldi in Dortmund zu wirken;
1925 wurde er zum Kantor und Organisten der Kirche gewählt.
Bei dem Instrument handelte es sich um eine außerordentlich
umfangreich disponierte Orgel, die Oscar Walcker in den Jahren
1908/09 erbaut hatte. 1943/44 wurde sie bei Luftangriffen
zerstört.
Gelegentlich findet sich in der Literatur der (nur bedingt
richtige) Hinweis, sowohl Emile Rupp wie auch Albert Schweitzer
hätten am Dispositionsentwurf der Orgel mitgewirkt.
Schweitzers Ideale im Orgelbau, erkennbar an der 1907 von
Dalstein & Haerpfer erbauten Orgel in Straßburg-Kronenburg,
waren jedoch andere als diejenigen, die dem Dortmunder
Instrument zugrunde lagen. Emile Rupps Einfluss war bei den
Dortmunder Planungen bedeutend größer; in diesem Sinne
ist seine Behauptung zu verstehen, die Orgel stelle einen »Sieg«
der sogenannten Elsässisch-neudeutschen Orgelreform dar.
Interessant ist die Beschreibung des Instruments in Rupps
Schrift »Die Entwicklungsgeschichte der Orgelbaukunst«
(die 1929 erschien, aber schon sehr viel früher druckfertig
vorlag). Rupp notiert auf Seite 362: »Eine äußerst wertvolle
Hilfe erwuchs der neudeutschen Reform durch das mannhafte
Eintreten des kgl. Musikdirektors Holtschneider in Dortmund
[Carl Holtschneider war Bunks Vorgänger als Organist
der Reinoldikirche]. Anläßlich des dort bevorstehenden
Neubaues einer Riesenorgel mit 109 [recte: 105] klingenden
Stimmen besichtigte er mit Herrn Dr. Oscar Walcker und
dem Verfasser die Pariser Orgelwerke (Sommer 1907).
Der Erfolg war die auf jener Reise am Hoteltisch vereinbarte
Reformdisposition dieses epochemachenden Orgelwerkes,
die sich fast wörtlich an diejenige der Cavaillé-Coll-Orgel
von St-Sulpice anschließt. Zum erstenmal in deutschen Landen
war das Klangmaterial auf fünf Klaviere verteilt; zum erstenmal
überwog der Prozentsatz der Mixturchöre, Aliquoten und
Zungenstimmen den der geradzahligen Labialgrundstimmen.
Zum erstenmal waren in dem auf dem 16'-Ton basierten Solo
(Bombardenklavier) 3 horizontal sprechende Starkdruck-
Zungenstimmen im 16-, 8- und 4-Fußton zur Anwendung
gekommen.«
Nachdem Rupp die noch erheblich größere Walcker-Orgel
der Hamburger Michaeliskirche von 1912 preist, fährt er nicht
ohne Stolz fort: »Zum erstenmal waren die Reformgrundsätze
in derart großzügiger Weise in die befreiende Tat umgesetzt
worden: Zwei Großstädte des deutschen Nordwestens hatten
ein tonreiches, nicht ein nur tonstarkes Rieseninstrument
erhalten. Der Erfolg ließ die Gegner verstummen, besonders
auch hinsichtlich der Traktur [elektropneumatisch] und des
in Dortmund verwendeten Normal- und Einheitsspieltisches
nach dem vom Verfasser vorgeschlagenen Modell.«
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